Das weibliche Gehirn – Warum Frauen anders sind als Männer.
Dieser Bestseller der amerikanischen Hochschullehrerin für Neuropsychiatrie in San Francisco räumt gründlich mit der immer noch populären Ansicht auf, zwischen Frauen und Männern gäbe es neurologisch und in fast allen anderen Bereichen, abgesehen von den Fortpflanzungsfunktionen und körperlichen Abweichungen, keine von der Natur vorgegebene Unterschiede. Wo vorhanden, seien sie lediglich durch Einflüsse von Erziehung und Kultur entstanden. Ohne letztere zu leugnen, sieht die Autorin in ihrer Überbetonung eine Verleugnung der Natur der Frau. Sie „beleidigt damit letztlich die Frauen“ und „unterschätzt … auch die gewaltigen, geschlechtsspezifischen Stärken und Begabungen des weiblichen Gehirns.“ (S. 243/4)
Männer und Frauen verarbeiten Reize nicht in gleicher Weise. Beispielsweise haben die Gehirnzentren für Sprache und Hören bei Frauen elf Prozent mehr Nervenzellen als bei Männern. Ein wesentlicher Bereich bezüglich Gefühle und Erinnerungen, der Hippocampus, ist bei Frauen ebenfalls größer. Die Autorin sieht im weiblichen Gehirn die einzigartigen Fähigkeiten der sprachlichen Flexibilität, des differenzierten Ausdrucks von Gefühlen, des Einfühlungsvermögens in andere sowie der Milderung von Konflikten. Das brachte ihnen in der Evolution Vorteile zur Selbsterhaltung und zum Schutz ihrer Kinder. Männer haben andere Begabungen.
In der achten Schwangerschaftswoche tritt eine Differenzierung der Gehirne der Embryonen in weiblich und männlich ein, gesteuert von Geschlechtshormonen und Genen, wonach sie sich unterschiedlich entwickeln. Schon bald nach der Geburt sind Mädchen ansprechbarer auf soziale Kontakte als Jungen, lernen früher zu sprechen und haben mit zwei Jahren einen wesentlich größeren Wortschatz.
Durch steigenden Östrogen- und Progesteronspiegel werden bei Mädchen in der beginnenden Pubertät zahlreiche Schaltkreise aktiviert, die schon vor der Geburt angelegt wurden.
Sie reagieren empfindlicher, wenn es um Belastungen in zwischenmenschlichen Beziehungen geht, Jungen, die eine kräftigen Zufuhr es männlichen Hormons Testosteron bekommen, dagegen in dem Fall, falls ihre Autorität angezweifelt wird.
Wenn eine Frau Mutter wird, so ändert sich ihre Gehirnstruktur grundlegend und dauerhaft. In der Schwangerschaft wird sie mit den Hormonen Progesteron sowie Östrogen überschwemmt. Während der Geburt und auch danach bekommt sie Zufuhren des Neurohormons Oxytocin, die ihr Wohlgefühle sowie Vertrautheit und Bindung an ihr Kind verschaffen. Ihre körperlichen Kontakte zu ihrem Baby – einschließlich des Stillens – aktivieren neue Rezeptoren und zahlreiche weitere Verknüpfungen zwischen den Neuronen ihres Gehirns und schaffen und verstärken die Gehirnschaltkreise für Mutterverhalten. Positive Mütterlichkeit wird auch durch Erfahrungen über Generationen weitergegeben und hat dann jeweils seinen Niederschlag im Gehirn des Kindes.
Interessant ist, dass auch Väter bei häufigem und engem Zusammensein mit dem Kind mehr Östrogen produzieren und eine Minderung des männlichen Hormons Testosteron verzeichnen. Das führt auch bei ihnen zu vermehrter Fürsorglichkeit.
Die Autorin ist der Meinung, dass Frauen derzeit zu sehr an männlichen Normen orientiert sind und sich „derart stark dem heutigen Gesellschaftsvertrag unterordnen, der häufig der natürlichen Verdrahtung unseres weiblichen Gehirns und unserer biologischen Realität zuwiderläuft.“ (S.244)
Insgesamt aber leben sie in einer Zeit, die ihnen viele Freiheiten und Möglichkeiten gewährt. Zahlreiche kurze anschauliche Beispiele aus der Praxis untermalen das Ganze.
Die Autorin hat nun auch ein Buch über das männliche Gehirn herausgeben.
Burghard Behncke
Brizendine, Louann: Das weibliche Gehirn – Warum Frauen anders sind als Männer. Taschenbuchausgabe 2008.Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. Bestellung bei unserem Kooperationspartner.






