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Juul, Vesper: Wem gehören unsere Kinder?

Das kleine, gerade erschienene Büchlein von knapp 40 Seiten beginnt mit dem Kapitel „Kinder im ‚Staatsbesitz‘“ vielversprechend. Der Autor legt dar, dass Kinderkrippen dafür da sind, Wünsche von berufstätigen Eltern sowie dem Bedarf von Wirtschaft und Gesellschaft nach Arbeitskräften Rechnung zu tragen. „Sie wurden nicht eingerichtet, um die Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen“ (S.5).

Eine Buchbesprechung von Burghard Behncke

Allerdings schiebt er hinterher, dass es vielen Ländern mit ihnen gelungen sei, den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern gerecht zu werden. 10 % der Kinder profitieren allein deshalb von Kinderkrippen, weil sie in dieser Zeit nicht bei ihren problematischen Familien sein müssen.
EU und OEC D wollen Kinder ganz früh fremdbetreuen lassen, damit die einzelnen Länder wirtschaftlich konkurrenzfähig sind, und Kinder werden zu Investitionsobjekten, die profitabel sein sollen. Dahinterliegende ethische Fragen werden von den politisch Verantwortlichen nicht aufgeworfen und öffentlich breit diskutiert, sondern den einzelnen Eltern überlassen. Pädagogische Ziele und Maßnahmen müssten grundsätzlich neu untersucht werden.
Es stellt sich die Frage: gehören die Kinder nun dem Staat oder den Eltern? Natürlich den Eltern, meint der Autor. Aber gelingt es vielleicht den Politikern, sie von ihren interessengeleiteten und rückständigen Ansätzen zu überzeugen? Der Autor weist auf schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit mit doktrinär ausgerichteten Kindertageseinrichtungen verschiedener Staaten hin. Eltern sind in ihrer Bedeutung zu stärken, sie wissen mehr als andere, was gut für ihre Kinder ist.
Der Autor stellt die Frage: „Was ist das Beste für unsere Kinder?“ Die Kinder mit ihren individuellen Merkmale und Entfaltungsmöglichkeiten sind zu unterschiedlich, als dass diese Frage allgemein beantwortet werden könnte. Auch ist das Kind in der Familie verwoben mit anderen Familienmitgliedern, und die Interessen der Eltern lassen sich nicht von denen der Kinder trennen und sind mit zu berücksichtigen.
Auf die Frage „Krippe ja oder nein?“ gibt der Autor den Eltern keinen Ratschlag, will nicht die Parteien gegenseitig aufwiegeln. Er antwortet etwa: „Die große Mehrheit dieser Einrichtungen kümmert sich exzellent oder zumindest annehmbar um die Kinder, die ihnen anvertraut werden.“ (S. 15) Andererseits gibt er auf derselben Seite zu bedenken, dass ca. 22 % der Ein- bis Dreijährigen in der Krippe einen viel zu hohen Cortisolspiegel im Gehirn haben.
Er rät Eltern, sich mögliche Einrichtungen für ihre Kinder genauestens anzusehen. Kindertagesstätten und Elternhäuser können sich sehr wohl ergänzen, was allerdings eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erzieherinnen verlangt. Er plädiert für mehr Qualität in Krippen und Kindergärten durch qualifiziertere Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen. Diese sollten es ihnen ermöglichen, Kinder besser in ihren individuellen Eigenarten und vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten zu erkennen und zu fördern. Er ist gegen rigide Regeln in diesen Einrichtungen und macht zu ihrer Behebung verschiedene Vorschläge. Auch sieht er in den oft weiblich dominierten Kindertagesstätten nicht selten eine Benachteiligung von Jungen, die nicht wirklich Jungen sein dürfen und nur zu leicht als problematisch abgestempelt werden.
Im Kapitel „Schlacht um das Kind“ (34) rät er zu mehr Toleranz und weniger emotional aufgeheiztem „Zickenkrieg“. Eltern, welche sich zur Kindesbetreuung in einer Einrichtung entscheiden, sollten engagiert mit den Erzieherinnen zusammenarbeiten, um Einfluss auf die Qualität der Einrichtung zu nehmen. Wer das Privileg hat, seine Kinder zu Hause zu betreuen, sollte seine Argumente gut abwägen, um nicht als arrogant und unwissend zu gelten.
Da das Heimatland des Autors, Dänemark, einen äußerst hohen Anteil an Krippenplätzen besitzt, ist es immerhin bedeutsam, dass der bekannte Pädagoge Jesper Juul zumindest kritische Anmerkungen zu diesen Einrichtungen macht. Jedoch hält er diesen Ansatz nicht durch und dieser verflacht ihn mehr und mehr. Das liegt zum einen daran, dass der Autor keine vorliegenden wissenschaftlichen relevanten Langzeit- u.a. Untersuchungen anführt, die zu sehr viel differenzierteren Aussagen führen könnten. Die immer weiter fortschreitende Krippen-Stressforschung der letzten Jahre sind ihm gerade mal zwei Sätze wert. Auch vermischt er immer wieder Kinderkrippen und Kindergärten ab drei Jahren, was zu meist unkonkreten Aussagen führt. Und schließlich will es der Autor wohl mit niemandem verderben, weshalb er zu oft im Allgemeinen, nebenflüchtig hingeschriebenen Beispielen, verbleibt.

Burghard Behncke/11.12.2012
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bibliografische Angaben:
Juul, Vesper: Wem gehören unsere Kinder? Dem Staat, den Eltern oder sich selbst? Beltz Verlag (Weinheim), 1. Aufl. 2012.
Siehe hierzu auch das Interview mit Jesper Juul